Seitdem ich meine Beziehung geöffnet habe fragen mich die Leute, ob ich meinen Verstand verloren habe. „Nein“ sage ich dann. „Das einzige was ich verloren habe ist meine Moral“. 

Stimmt ja auch. 

Genauer genommen habe ich sie gar nicht verloren. Ich habe sie einfach abgelegt. Ich habe mich ihrer einfach entledigt und das tat nicht einmal weh. 

Es dauerte nur läppische 34 Jahre. 

Es war im September 2013. Spätsommer in Berlin. Es war schon etwas kühler, die Blätter begannen sich allmählich zu verfärben und im Viktoriapark in Friedrichshain- Kreuzberg wehte ein sanfter Wind. Angenehm war er. Ich saß da, zwischen all den Menschen, mitten im Park auf einem Stück Decke, die ich mir mit mehreren anderen teilte.

Und dann passierte es:

Er kam über den Hügel gelaufen im Park. Groß war er und bildschön. So ein schöner Mann. Es traf mich wie ein Peitschenhieb. Es knallte und ich wusste, ich muss sie sofort absetzen. Die Zeit des Abschiedes war gekommen. Mir war klar, dass ich sie nun nicht mehr gebrauchen könne, sie verstehe das sicher. Und so setzte ich sie ab. Schwer war sie. Sie klammerte sich all die Jahre so intensiv an mir fest, so arg, dass ich mich kaum bewegen konnte. 

Da, gleich dahinten am Märchenbrunnen war ein passender Platz. Sie hat mir bis jetzt nichts als Scherereien gemacht und heute spürte ich ganz deutlich: Lege ich sie hier nicht ab, bliebe ich für immer Gefangene der moralischen Vorstellungen meiner Eltern. Und deren Eltern und natürlich, kurz: der Gesellschaft insgesamt. 

Und so setzte ich sie auf die Bank und sagte „Adieu“. Sie sagte nichts. 

Ich verschwand. 

Zurück zum Hügel, zurück zu den dem großen Mann und den stahlblauen Augen. Zu Jeanshemd, gebräunter Haut und verwegenem Lachen. Oh ja, das war richtig. Egal was nun kommen würde, ich war sie los. Ich war frei. Endlich. Wie leicht mir zumute war, plötzlich. 

Ich verliebte mich. So doll und so heftig. Ich wusste nun, was ich wollte. Ich schnappte mir diesen tollen großen Mann und hatte den Sex meines Lebens. Jedenfalls bis dahin. 

Während mein Mann zu Hause war, turnte ich mit einem anderen durchs Bett, als gäbe es kein Morgen. Gab es ja auch nicht, Zeit ist ja total relativ, erst Recht wenn Sex im Spiel ist. Und Sex und Spielen gehört wohl doch viel intensiver in mein Leben, als mich das Fräulein Moral hat spüren oder glauben lassen. Aber nun war sie ja weg und ich konnte alles tun und hatte noch nicht einmal Gewissensbisse. 

Das Echo von 34 Jahren moralischem Dauerfeuer dauerte natürlich an. 

Es dauerte, bis das Verschwinden der Moral meine Wünsche freigab. So nach und nach sickerten sie durch, in meinen Kopf und dann in meine Muschi. (Ich bin ein Kopfmensch, bei mir geht erst einmal alles durch den Kopf). 

Ich wollte diesen großen Mann. Ich wollte ihn ganz und gar. Es gab nichts Wichtigeres in dem Moment, und meine Muschi sprach eine deutliche Sprache, noch nie sprach sie so laut und deutlich. 

Und so brannte ich auf  einmal emotional für alles und jeden. Meine Gefühle waren nicht mehr eingesperrt, liefen nicht mehr an der kurzen Kette von Mrs. Moral. Und als die kleine große Moral nicht mehr da war, konnte ich auf einmal lieben wen ich wollte. Das Herz ist ja so groß, es gibt da so viele unterschiedliche Plätze und wer mir Beliebigkeit vorwirft, verunglimpft diese universelle Liebesfähigkeit, die in allen Menschen wohnt sich auf Menschen ganz individuell einzulassen. Kultivieren sollte man sie. Dafür muss man aber seine Moral erst einmal loswerden. 

Das kann ich. Lieben. Egal in welcher Version. Moral und Konsorten haben mir immer was anderes erzählt. Bullshit war das. Nicht nützlich. 

Genauso wie diese „Haus-Baum-Kind“-Idylle, mag für viele ja richtig sein. Ist auch okay. Für mich war sie nur ein Traum von Moral und Erwartungen anderer an mich, aber nicht von mir. Ich will kein Haus, das ist zu viel zu putzen, ich will auch keinen Baum, die gehören in den Wald und Kinder? Tja, Kindern gehört doch die Welt, oder? Und Kinder sind frei. Genau. Das kann mal schön der Traum von anderen bleiben, meiner ist es nämlich nicht. 

Und das wusste ich dann auch im September 2013. Tschö, Lebenskonzept ohne Hand und Fuß. Habe keinen Bock den unreflektierten Mist zu übernehmen, der mir seit Anbeginn meines Lebens vorgeturnt wird. Das Lebenskonzept saß eigentlich direkt neben der Moral am Brunnen. Richtig so. Da gehört es auch hin. 

Ab da war ich also frei. Ohne gesellschaftliches Erwartungsgedöns und so. Kennt man ja. Leg’ das mal ab, wenn du kannst! Moral sitzt in der Regel sehr tief, da kommt man gar nicht so direkt dran. Da muss man schon ziemlich lange für stricken gehen bzw. sich eingehend bewusst machen, wie das alles so zusammenhängt. Tausend Jahre Innenschau und so. Also in den Schoß gefallen ist mir das nämlich nicht. 

Aber das wichtigste war: Moral auf Nummer sicher, heißt, da auf der Parkbank, beim Märchenbrunnen. Sie war ja schließlich genauso Märchen wie Hänsel und Gretel und wie sie alle heißen. 

Diesem Tag, an dem ich meine Moral verlor, verdanke ich sehr viel. Ich genieße jetzt die Menschen ohne ständig eine Beziehung daraus zu basteln, oder eine Schublade dafür zu finden. Ich lasse das einfach so sein, was ist und fertig. Ich fliege hier und da und komme immer wieder zurück. Ganz brav und schon fast treudoof in meine zwei festen Beziehungen. Zu meinen beiden festen Partnern, meinem Ehemann (oh ja den gibt es noch zieh‘ dir das mal rein) und zu meinem zweiten Partner. Weil auch hier gilt: Doppelt hält besser. Ist echt so. Viel stabiler das Ganze, als nur einen Partner zu haben.

Das ist so schön, dass ich mich jetzt sogar in Frauen verliebe und feststelle, dass noch nicht mal das Geschlecht eine Rolle zu spielen scheint. 

Tja so geht das, wenn man immer mehr wird, sich immer weiter ausdehnt. Ich freue mich am Warmem und intensivem. Und schämen tue ich mich für gar nichts. Auch wenn das viele aufregen mag. Aber die schleppen ja auch noch kräftig Moral mit sich rum, schätze ich mal. Das verstehe ich dann auch, kenne ich ja von mir selbst auch, von der Zeit vor September 2013. 

Seit 2013 ist viel passiert. Meine Moral gibt es nicht mehr. Genauso wie den Mann aus dem Park. 

Die Moral ging und die Wünsche durften kommen. 

Nun kann ich mich auf einer Party auf einen Tisch legen und vor den Augen anderer ficken lassen, wenn ich will. Warum auch nicht? Meine Moral ist ja nicht da, die mir sagt, das dürfe man nicht. Meine Moral sitzt am Brunnen und füttert Enten oder so. 

Vielleicht besuche ich sie nach all der Zeit einmal dort. Ich hätte ihr viel zu erzählen. Ich war schon so verdammt lange nicht mehr in meiner Lieblingsstadt. In der Stadt, in der ich mein Herz öffnete und meine Muschi gleich mit. (Das hängt nämlich zusammen…) 

Ja, ich werde sie besuchen, diese Moral. 

Nachtrag: 

Oh doch, für eine Sache schäme ich mich bis heute: 

Ich habe meinem Mann nie etwas aus Berlin mitgebracht. So als Andenken. 

Schlimm, schlimm ist sie. 

Diese Amanda. 

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4 Gedanken zu “Der Tag, an dem ich meine Moral verlor

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