„T“ wie Tavor

„Dekompensation“, sagt der Arzt hinter dem Schreibtisch. „Frau Lears, können Sie mich anschauen?“

Frau Lears, wen meint er?

Tränen. Ich ersticke an Tränen und Gefühl. Gewitterartig explorieren Gedanken und machen Gefühle, viele Gefühle. Zu viele Gedanken machen zu viele Gefühle und umgekehrt. Die Jacke meines Mannes, ich spüre sie an meinem Gesicht. Die ist rau, so ein regenabweisendes Material, Gorotex, oder so. Warum ist diese Jacke so rau, denk ich. Neben all den Tränen. Ich weine weiter. Ich sage nichts, ich weine. Ich weine seit Stunden, ich habe meinen Kopf noch nicht einmal gehoben seitdem wir hier sitzen. Tränen, ich ersticke daran, ich werde auf der Stelle sterben. Jetzt sterbe ich. So fühlt es sich an.

„Ich will sterben“ sage ich, ich will diese Hölle nicht. Ich will das das aufhört.

„Frau Lears, sagen Sie uns doch was passiert ist heute?“

Frau Lears. Wer ist das? Ich nicht. Ich bin Tränen. Ich bin Trauer ich bin Enttäuschung und Wut. Ich bin zu viel. Mir ist zu viel. Alles ist zu viel. Ich bin bioelekrtischer Starkstrom. Ich kotze Emotionen. Ich habe einen emotionalen epileptischen Anfall.

„Sie kam heute aus Köln wieder!“, höre ich meinen Mann sagen.

Diese Jacke, ich greife sie. Irgendjemand weint so laut, ach ja das bin ich. Stimmt ja. Ich heule weiter. Diese Jacke ist schon ganz nass. Egal. Die muss jetzt dran glauben.

„Wer sind Sie?“ fragt der Mensch im weißen Kittel.

„Ich bin ihr Ehemann!“, sagt mein Mann.

Heulen. Zittern, mir ist kalt, wieso ist es so kalt hier?

„Frau Lears und was ist geschehen, dass es Ihnen so geht?“, sagt der Kittelmann.

Worte bereiten sich in meinem Mund vor.

„Mein Mann!“ Stolpere ich, Rotze läuft aus der Nase, nass ist mein Gesicht und nass sind meine Haarsträhnen, ich habe sehr langes Haar muss man wissen.

„Ja, Ihr Mann!“, fragt der Arzt nach.

„Was ist denn mit ihm?“ Ich drehe meinen Kopf. Ich will diesen Ort, den Arm meines Mannes nicht verlassen. Ich bin auf seinen Schoß gefallen. Gebeugt, mit dem Gesicht schaue ich jetzt zum Arzt.

„Der ist weg!“, sage, nein heule ich.

Der Arzt zieht die Stirn in Falten. Er schaut meinen Ehemann an. „Aber ihr Mann ist doch hier?“, fragt er. Ja, ich weiß jetzt denkt er ich sei psychotisch.

„Mein anderer Mann!“, sage ich. Ich heule weiter. Diese Welt, ich will sie nicht.

„Sie haben noch einen anderen Mann?“, fragt der Arzt. Ich heule diese Jacke weiter voll.

„Jetzt nicht mehr!“ schluchze ich.

„Aha…!“ sagt der Arzt.

„Es gab einen großen Streit mit ihrem Freund in Köln“ sagt mein Mann. Mein Ehemann. Der hat mich hierher gebracht. In die Notaufnahme der Psychiatrie.

„Wie sind Sie in dem Zustand überhaupt heim gefahren mit dem Zug, von Köln aus?“, fragt der Arzt.

„Ich kann mich eben gut zusammenreißen!“, heult Amanda weiter. Also ich. Ich heule.

„Das ist ein waschechter Nervenzusammenbruch“ analysiert und schlussfolgert der Arzt. Mir ist das egal was es ist, es ist die Hölle und es soll aufhören. In mir sind Schmerzen, sehr starke Schmerzen krampfen meinen Körper zusammen. Und immer wieder Tränen. Tränen, Tränen, Tränen.

„Es hat sich in den letzten Monaten zu viel aufgestaut an Stress!“, höre ich meinen Mann sagen.

„Diese zwei Beziehungen, zu mir und ihrem Freund sind sehr schwer gewesen jetzt akut, mein Vater ist gestorben kürzlich, da war sie vollauf damit beschäftigt die ganze Familie aufzufangen, sie orientiert sich beruflich um und macht gleichzeitig noch eine Ausbildung!“

Mein Mann streichelt meinen Kopf. Mein Haar.

Sorge liegt in seiner Stimme.

Ich muss noch mehr weinen.

Trauer. Es ist zu viel.

Zu viel.

Ja.

Ich bin zu viel.

Das stimmt.

Ich bin zu viel Gefühl, zu viel Mensch, zu viel Tränen.

„Wir werden Ihnen was zur Beruhigung geben, Frau Lears!“ Wieso spricht der im Plural, hier ist doch nur er? Komisch sind die Ärzte.„Ja!“, wimmere ich. Dann schiebt mir der Arzt einen Blister mit sechs Tabletten über den Tisch. Ich soll direkt eine Tablette nehmen. Tavor. Ich nehme alles, denke ich, Hauptsache ich werde ruhig. Ich kann nicht mehr, meine Seele kann nicht mehr, die streikt. Die schwenkt die weiße Fahne. Die macht vollkommen zu und stürzt ab. Die kleine Tablette zergeht schnell im Mund. Mich erfasst eine Welle und zieht mich nach unten. Mein Körper kann nicht anders als zu entspannen. Meine Tränen versiegen. Ich kann mich aufrichten. Ich schaue den Arzt an.

„Was ist das denn für ein Teufelszeug?“, frage ich den Arzt.

„Das ist Tavor, ein Benzodiazpin, ein angstlösendes Mittel!“, sagt der.

„Merken Sie schon was?“

„Merken?“, sage ich.

„Ich bin völlig weg geschossen. Selbst wenn ich Angst haben wollte, es geht nicht, ich kann beobachten, dass der Impuls nicht mehr weiter geleitet wird. Er wird gehemmt!“

Der Arzt schmunzelt. „Sie sind ganz schön schlau, Frau Lears, sind Sie vom Fach?“
„Ich bin Therapeutin“, sage ich gedehnt. „Ich kenne mich etwas aus in der Sozialpsychiatrie!“

Das ich selbst mal hier lande, tja, wer hätte das gedacht. Ich nicht.

Ich bin jetzt ganz ruhig, alles ist schön wattig gedämpft. Irgendwie ist mein Innerstes jetzt wie mit Watte ausgepolstert. Gemütlich wirkt es in mir drin. Ach schön, so ein Zustand. „Kein Wunder, dass diese Tabletten Suchtpotenzial haben!“, sage ich. „Sie nehmen keinerlei Tabletten, trinken keinen Alkohol, es ist klar, dass die Tabletten Sie jetzt richtig wegschießen!“, sagt der Arzt.

„Jo!“, sage ich und lehne entspannt im Sessel.

Ich versuche zu erinnern. Ich versuche mich anzustrengen, warum ich so viel geweint habe, und es tauchen Spitzen auf, die mein Herz berühren und es stechen lassen.

Ja, ich weiß warum ich nicht mehr kann.

Warum sich mein Herz überfordert hat. Warum ich hier sitze.

Ich weiß es noch.

Eine Qual mit diesem Wissen weiter zu leben. Ich weiß nicht wie das gehen soll.

Aber Dank Tavor schaffe ich es die ersten 24 Stunden.

Ich bin jetzt wirklich bei Plan „T“ angekommen in meinem Leben.

„T“ wie Tavor.

 

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Geständnisse

Und dann stellt man nach vier Jahren in Polygamie oder Polyamorie –  ist auch scheißegal wie das Kind jetzt heißt – fest, dass dieses Leben alles andere als frei, sondern nur eine weitere Flucht ist. Ein Abklatsch aus anderen Zwängen. Wo alte durch neue Zwänge ersetzt werden.

Was nutzen einem wilde Partys wo Sex und Fetisch in Strömen fließen, wenn es dort doch keinen Halt gibt? Wenn das ständige Hinterherjagen dieser Partys einem so dumpf und so leer vorkommt plötzlich. So dass man es nicht mehr verstehen kann. Ich kann es nämlich nicht mehr verstehen.

Ich wache auf und stelle fest, dass diese Menschen nichts hält in ihrem Treiben. Natürlich ist es toll und geil alles an Zweifeln und Moral soweit überwunden zu haben, dass man sich überall ficken lassen kann, wenn man will. Aber wozu soll das gut sein? Was passiert nach dem Wollen? Was bringt es dir tatsächlich für einen Nutzen, wenn du emotional leer dabei bleibst? Wenn es irgendeiner, oder irgendeine XY ist mit der du es tust? Was bleibt vom Sex denn übrig, wenn du dich da zwar einlassen aber nichts nachhaltig daraus wachsen kann außer eine Fickbeziehung? Für mich ist das nichts. Für mich ist das schal und hohl.

 

Ich kenne den unverbindlichen spielerischen, platonischen Sex der auch geil und toll sein kann. Der nicht in die Partnerschaft oder in die Zweisamkeit oder in die emotionale Bezogenheit führt. Trotzdem ist es nicht das was ich suche und brauche.

 

Ich kann ständig wen zum Sex treffen, das ist toll für Menschen die den Sex suchen und brauchen, mich macht das nicht an, wenn ich keinen emotionalen Bezugspunkt habe dabei.

Für mich bricht da das Interesse völlig ein sich da in der Szene weiter zu entwickeln.

 

Ich brauche Halt. Und Verlässlichkeit. Und das finde ich in der Welt der Promiskuitivität nicht. Auch wenn der Austausch und die Interaktion bunt und facettenreich ist.

 

Das wird mir stündlich mehr und mehr klar.

 

Was soll das ganze Theater mit Lack und Leder oder anderen Fetisch-Outfits, halbnackt in Netz, Muschi frei oder Latex alles unten ohne? Ohne einen Partner, sondern nur mit wechselnden? Was soll das? Ist das portionierte Liebe, portionierter Halt?

 

Ja ich weiß, man fühlt sich unglaublich frei und toll das zu machen. Das zu dürfen. Es sich zu erlauben, aller Konditionierungen zum Trotz. Es ist ein Spiel mit dem Selbstwert, mit dem Ego, auch zu bekommen, dabei zu sein, auch teilzuhaben. Und sonst? Wenn ich das so sehr brauche, um meinen Konditionierungen, meinen Glaubenssätzen, der Gesellschaft oder meiner Kindheit so was mit Trotz entgegen zu setzen, wie frei bin ich denn dann wirklich?

Eben. Gar nicht. Ich bin gefangen. Ich bin gar nicht authentisch oder frei. Und darum ging es mir doch immer.

 

Was bitte soll diese Maskerade bewirken oder wen will ich da eigentlich überzeugen? Mich selbst? Ich habe diese Szene erlebt, ich bin zwei Jahre in ihr zuhause gewesen. Mein halber Freundeskreis besteht aus diesen Menschen. Diesen Paradiesvögeln, die nun ja, eben gerne querfeldein vögeln. Alles bunte Menschen, alles interessante, tolle Typen. Ich habe sie lieb. Aber nun wache ich auf und habe das Liebste was mir ist dort verloren. In dieser bunten Welt. Und ohne mein Liebstes, möchte ich dort nicht mehr sein. Ich mag nicht auf diesen Partys oder in dieser Welt sein. SO nicht. Ich möchte nicht allein da rumlaufen oder mich von wildfremden da ficken lassen. Nein das will ich auf keinen Fall, so ticke ich nicht. Das ist nicht mein Sex. Ich lehne das nicht ab. Ich finde es nur hohl für mich selbst. Und das wird mir langsam klar. Ich will auch nicht mit irgendeinem Typ dahin, und Typen, heiße geile Typen gäbe es genug. Ich will nicht. Ich habe da keine Freude dran. Auch nicht allein.

 

Wenn das Ego und der Stolz weichen darüber ach so toll unkonventionell und anders unterwegs zu sein, es zu schaffen zwei Beziehungen zu händeln und darüber hinaus noch irgendwelche Sex-Kontakte, und dann bricht das alles ein, weil das worum es dir geht, nämlich deine Liebe zu zwei außergewöhnlichen Menschen wovon einer in dieser Szene unterwegs ist, dann hinterfragst du dich. Du hinterfragst alles auf einmal und kommst dir mächtig dämlich vor. Du denkst du bist ein totaler Idiot, dass du daran geglaubt hast.

Ich bin vor zwei Jahren auf diese Partys, in diese Welt mitgenommen worden. Ja, ich fand das toll und mutig und aufregend und verdammt lässig das da alles kennenzulernen. Toll war das.

 

Jetzt wache ich auf, von diesem Trip, von diesem Höllen-Ritt, es war der Wahnsinn.

Ja, es war Wahnsinn überhaupt zu glauben, dass so was irgendwie gut ausgehen könnte. Oder nur im Ansatz funktionieren könnte. Mit Mann und Partner, oder Geliebten, was weiß ich wie ich das nennen soll. Ich war immer überzeugt das das total normal und auch gesund sei. Mh. Ich weiß es nicht. Warum hält man sich zwei Beziehungen nebeneinander? Und vor allem, warum tut man sich das Leid an, was daraus wohl oder übel resultiert?

Schmerzhafte Fragen. Glaubt es mir.

 

Ich will mich nicht dauernd verbiegen und veratmen müssen, dass es trotz aller Weiterentwicklerei an mir, Dinge gibt die mir verdammte scheiße weh tun.

Vieles wollte ich nicht und stelle fest das, ich noch viel mehr gar ablehne. Und das ich viel zu sehr über meine Grenzen hinausgegangen bin, um Halt zu finden in einer Welt die haltlos und schnell ist.

Ich mag nicht beliebig Menschen zum Sex treffen, des das gibt mir nichts. Ich mag nicht mit XY auf einer Party vöglen, das habe ich noch nie getan und zieht mich auch weiterhin nicht an. Ich habe auch wenig Bock auf irgendwelche Gruppensex-Aktionen. Es geht mir nicht darum das zu bewerten, ich will nur betonen, dass ich es für mich selbst leer finde. Ich finde den so arrangierten Sex in solchen Settings ohne Partner leer. Und den will ich für mich nicht.

 

Amandas Welt, ja. Diese Welt ist ziemlich klein und genauso engstirnig oder spießig wie die anderen Welten. Ich weiß es nicht besser oder habe mehr erlebt, nein. Ich habe eine Welt kennen gelernt in der vieles Schein ist. Und ich weiß, dass diese Welt weh tut, wenn man nicht mitspielen kann. Wenn man nur am Rand steht und es bestaunt was die anderen da so kühn abfackeln auf ihren Orgien. Ja, das alles tut weh, aber ich glaube das alles was ohne emotionalen Gehalt, ohne richtige Beziehung oder Bindung, hohles Ego-Geschrubbe bleibt. Für mich jedenfalls ist das so. Für andere ist das sicher anders.

Auch wenn ich weiß ich kann mich kurz auf einen Menschen einlassen, wenn ich mit ihm schlafe. Was bringt mir das? Mir persönlich bringt es nichts. Das weiß ich nach 2018. Ich bin sehr mutig gewesen und habe alles gelebt was ich wollte, um diese Erkenntnis zu haben. Ich habe es riskiert falsch zu liegen. Sich zu irren. Einer Täuschung aufzusitzen und enttäuscht zu sein. Denn das tut sehr sehr weh. Wer kann das schon behaupten, sich so eine Lektion freiwillig abzuholen.

2018. Ein krasses, sehr krasses Jahr in dem ich alles auf eine Karte gesetzt habe. Seit Dezember 2018 weiß ich, dass mir der Preis zu hoch ist.

 

Nichts für Feiglinge

Habt ihr schon mal die Komfortzone verlassen?

Seid ihr schon mal gesprungen? So richtig raus aus der Sicherheit?

Nicht nur drüber gelesen oder im Film gesehen.

Sondern es echt getan?

Ohne Netz und doppelten Boden?

Am Nullpunkt angekommen?

Zum Beispiel über eure Grenzen hinweg geliebt?

Habt ihr es mal probiert, wenigstens ein kleines Bisschen?

 

Ich nicht.

Ich bin feige.

Ich bin jämmerlich darin das auszuhalten.

Das ist krass und starker Tobak.

Extrem kann das sein, nein ist es.

Weil es ständig alles fordert von dir.

Deine ganze Aufrichtigkeit, dein ganzes Herz, dein ganzes Ego.

Das kann man nämlich gar nicht gebrauchen dabei.

Aber ich bin ja feige, ich kann es nicht.

Trotz nicht monogamem Leben und Beziehungskirmes, die da dran hängt bin ich ein blutiger Anfänger.

Ich ziehe regelmäßig den Schwanz ein und heule, weil es unbequem ist.

Ich heule, weil dann doch nichts umsonst ist auf der Welt.

 

Wenn ihr in Beziehungen immer nur da bleibt, wo es gemütlich ist und sicher, werdet ihr niemals wachsen. Inklusive mir.

Aber wir wollen Sicherheit.

Bitte bitte.

Wir wollen doch wissen, das morgen noch das das gilt was heute ist.

Aber so funktioniert das nicht. Nein, vergiss‘ es.

 

Denn dann gibt es keine Entwicklung und kein Lernen, es gibt kein Scheitern, kein Umdrehen und kein Erkennen.

Der Mensch lernt doch nur aus Leid heraus.

Aus was denn sonst?

Wenn ihr niemals gezwungen seid euch selbst wirklich zu verstehen, und dieses Verstehen dauert ein Leben lang, dann werdet ihr niemals weise werden daran.

Wenn man immerzu nach Sicherheit schreit, um sicher zu gehen, dass der andere mich auch ja genauso zurück liebt, liebt man nur ein Bild von sich.

Ich will nicht klugscheissen. Ich will lernen.

Und diese Worte richte ich eigentlich an mich selbst.

Denn ich weiß gar nichts.

Null.

 

Wenn man sich so sehr liebt, dass man sich sogar in Liebe loslässt,

wovor hat man dann Angst?

Denn das ist die Königsdisziplin der Liebe.

Man lässt los, dass der andere so und so und so sein sollte, müsste, könnte.

Und akzeptiert endlich, dass er so und so und so und nicht anders ist.

Ach wie oft habe ich darüber geschrieben?

 

Und es stimmt.

Liebe.

Sie erträgt, sie duldet und sie hört nicht auf.

Das ist dann Loslassen.

 

Egal wie wir sie nennen.

Was wir tun oder nicht tun.

Lieben wir einen Menschen wirklich, dann ist es egal unter welchen

Bedingungen.

Habt ihr das schon mal ausprobiert?

Es ist nichts für Feiglinge, es ist das Mutigste was man im Leben tun kann.

Glaub ich.

Schätze ich…

Einem Menschen zu folgen den man liebt, um sich und seiner liebe zu ihm treu zu bleiben, erfordert alles und noch mehr von einem.

Es ringt einem alles ab.

Alles.

Es ist die größte und spannendste aber auch anstrengendste Reise die man antreten kann.

Eine Reise von mir zu dir und zurück.

 

 

Liebe mal einen Menschen, der sich aus Liebe für sich entscheidet und dich erstmal zurücksetzt.

Liebe mal einen Menschen, der gleich zu einer anderen geht.

Oder zu einem anderen.

Liebe mal einen Menschen, den du sehr selten siehst.

Liebe mal einen Menschen, der depressiv und in sich versunken, ein Loch aus dumpfer Trauer ist.

Liebe mal einen Menschen, der nicht bei dir sein kann oder vielleicht auch manchmal nicht will, weil er sich um sich oder andere kümmern muss.

Liebe mal einen Menschen, dessen Interessen komplett gegen deine gehen.

Liebe mal einen Menschen, der keine Zeit hat für dich

Liebe mal einen Menschen, der noch jemanden anderen liebt.

Liebe mal einen Menschen, der weit weit weg wohnt.

Liebe mal einen Menschen, der sagt das er dich nicht liebt.

Und dir sagt du sollst gehen.

Liebe mal einen Menschen.

Liebe.

Einmal. Nicht fünf Minuten,

nicht eine halbe Stunde, halte es mal 60 Minuten aus.

60 Minuten.

 

Lieben und Loslassen.

Traust du dich?

Wenn ja, dann lass alles los und springe rein.

In die Untiefen der Liebe.

 

Aber fang klein an und liebe dich erstmal selbst.

Und dann weißt du was Herausforderung bedeutet und dass du dein ganzes Leben damit zu tun hast.

Weiß ich.

Und das ist dann Demut.

Und Demut braucht es.

Für die Liebe.

 

Psychopathen sind die Besseren …

im Bett

Ist echt so.

Habt ihr schon mal mit einem Psychopathen geschlafen?

Oder mit einer Unterkategorie davon wie zum Beispiel einem narzisstisch persönlichkeitsgestörten Menschen? Nein?

Die können nämlich was, was anderen Männern fehlt. Denen die gesund sind meine ich.

Psychopathen sind die Oberkategorie für Menschen denen komplett das Einfühlungsvermögen und die Empathie für die Bedürfnisse und Gefühle anderer fehlt. Was auf den ersten Blick das Problem ist (denn es ist wirklich eins, sie haben kein Schuldbewusstsein und keine Fähigkeit zur Reue, das heißt sie können keine Fehler einsehen), ist auf den zweiten ihr geheimer Vorteil im Puncto Sex.

Ich will hier solche Menschen nicht verurteilen, weil die ja nichts dafürkönnen, die waren auch mal Opfer und so weiter und sofort. Weiß ich weiß ich.

Deshalb will ich auch gar nicht meckern, sondern mal das Augenmerk auf den positiven Nebeneffekt von dieser Persönlichkeitsstruktur herausstellen.

Nehmen wir als Beispiel den narzisstischen Typ und warum der es so geil im Bett kann, bzw. warum das so aussieht:

Täuschung I – Stärke:

Der Narzisst blendet ohne Ende, träumt im großen Stil von uneingeschränkter Zustimmung, Jubel und nie endendem Lob. Er nimmt das quasi vorweg, dass er ne geile Sau ist und das kommt an bei den Frauen. Ist sogar wissenschaftlich mal erhoben worden. Frauen sprechen auf Selbstüberschätzung deutlich mehr an als auf Understatement.

Da wo andere gesunde Selbstzweifel und Fähigkeiten der Selbstreflexion besitzen, haben Narzissten eine absolut bombensichere Selbstüberschätzung. Das ist super praktisch, denn das macht unheimlich attraktiv. Sie strahlen eine totale Selbstsicherheit und Souveränität aus. Und das wirkt. Es wirkt sicher. Es wirkt stark.

Denn das das einfach stumpfe Rücksichtslosigkeit ist, ja da kommt man ja nicht drauf als suchende, im Kern willige Frau.

Zack, reingefallen.

Das Rücksichtslose hat noch einen extrem großen Effekt im Bett:

Narzissten neigen stark zu grenzüberschreitendem Verhalten. Sie nehmen sich was sie wollen, vorzugsweise dann die Frau. Narzissten können die Frau. Das muss man ihnen neidlos anerkennen. Sie trauen sich, die sind mutig, sie scheuen nicht vor ihrer sexuellen Anziehungskraft zurück wie der Otto-Normal-Verbraucher in der Regel. Ach der zaudert und zögert, ergeht sich in Selbstzweifeln und allerlei.

So nicht der Narzisst. Der ist einfach rücksichtslos und tarnt das sehr schlau. Da kommt man ja nicht drauf!

Er nimmt sich was er möchte und das macht er gut. Dass muss der Mann nämlich generell können, er muss sich ja abgrenzen von den eigenen bremsenden, zweifelnden Gefühlen des Minderwerts, der Möglichkeit zu scheitern, das muss er übergehen. Und das schaut beim Narzissten dann aus wie?

Richtig, wieder wie Stärke. Dass da stumpfe Rücksichtslosigkeit vorherrscht, bemerkt frau nicht. Soll sie ja auch nicht. Und die die drauf reinfallen wollen es auch nicht bemerken…

Täuschung II – Faszination:  

Der Narzisst kommt meist interessant und anders daher. Bisschen locker, bisschen nicht, so dass er nicht einzuschätzen ist, fängt er die Frau mit der Suche auf Faszination ein. Er gibt sich interessant, punktet mit Wissen und interessanten Themen.

Das wollen Frauen, dafür leben sie. Sexuell ist die Frau da, wenn sie fasziniert wird. Die will sich nicht langweilen und sucht den Kick oft im aufregenden. Und aufregend ist es, wenn man jemanden nicht einschätzen kann. Dass diese Faszination in dem Fall reines Wunschdenken der Frau ist, die sich ja um Gottes Willen nicht langweilen will, bemerkt man an der Stelle nicht. Der einzige Grund warum der Narzisst so vage bleibt in allem, ist weil er erstens selbst sehr unsicher ist im Kern und das zu verschleiern sucht und zweitens ist er im Suchmodus bei der Frau. Er schaut worauf sie wie reagiert emotional, damit er weiß wie er sie wie emotional packen, einfangen oder bei ihr andocken kann. Er wird ihr nämlich, um sie rumzukriegen erst einmal das spiegeln was sie sehen möchte, was sie braucht, wonach sie begehrt. Er hat eine Wahnsinns Fähigkeit sein Gegenüber emotional auszulesen und kann das dann spiegeln ohne das diese Gefühle in ihm selbst sind. Ein waschechter Narzisst fühlt nicht. Das ist ja sein Grundproblem. Der braucht die ständige Befeuerung mit Gefühlen vom Gegenüber damit er überhaupt fühlt. Daher ist es ihm auch egal letztendlich ob diese Gefühle gut oder schlecht sind. Er will Gefühl. Gefühle auslösen bedeutet nämlich Macht haben. Und wie sie die bekommen können, filtern Narzissten raus wie kein zweiter.

Täuschung III – Spannung und Distanz: 

Sex wird erst richtig heiß, wenn es eine Distanz gibt, die es zu überbrücken gilt. Das ist der springende Punkt. Je mehr z.B. emotionale Distanz, desto heißer die Vereinigung. Für guten Sex braucht es Distanz. Die Distanz ist die Spannung beim Sex. Ohne Distanz keine Spannung. Der Narzisst ist Profi in emotionaler Distanz, weshalb der Sex dann richtig gut ist.

Die Distanz entsteht aus dem Unvermögen des Narzissten affektiv zu schwingen. Er kann kopieren, aber nicht aus sich selbst heraus emotional schwingen. Das wirkt distanziert, weckt bei der Frau aber den Hunger auf mehr. Sie will vom Mann begehrt werden. Die Motivation ist gezündet.

Jemand der zudem grundsätzlich eher herabgesetzt ist in seiner Affektivität, bei dem wirkt jede potentielle emotionale Regung, Zärtlichkeit oder Zuwendung wie die letzte Cola in der Wüste, sprich, wie die absolute Offenbarung. Der Effekt ist, dass das Gefühl somit potenziert wirkt. Ein sehr schlauer psychischer Trick, ja, nicht doof. Gar nicht doof.

Denn er wirkt.

Auch mit ein Grund warum Narzissten so krass von „liebevoll“ zu „eiskalt“ umschlagen können, weil das liebevolle Gefühl vorher nicht echt war. So leid es mir tut. War es nicht. Wer sich da emotional öffnet, tja, der wird sich böse wehtun.

 

Fazit:

Ja, so läuft es mit den lieben Psychopathen. Immerhin ist der Sex geil. Zumindest am Anfang. Danach wird es ziemlich lästig, weil gefährlich. Denn hat sich ein Narzisst erstmal auf euch eingeschossen, wird er so schnell nicht loslassen, weil ihr so ein adrettes Spielzeug zur Selbstbestätigung gewesen seid. Da werden unter Umständen noch Monate – oder Jahrelang Mails, Post was weiß ich geschickt. Wohnt ihr in derselben Stadt, steht er mitunter dauernd unerwartet vor eurer Tür und schiebt Terror, schließt euch ein, wird handgreiflich, nur damit ihr ihm weiter sein Ego respektive den Schwanz polieren könnt. Er droht womöglich mit Selbstmord, verleumdet euch öffentlich oder stellt unerlaubt private Bilder von euch ins Netz.

Ja, so geht das dann. Und wofür das alles? Für aufregenden Sex.

Die Nebenwirkungen sind mir persönlich ein bisschen zu lästig. Aber wenn ihr es mal auszuprobieren wollt, es wird sicherlich unvergesslich. Ob gut oder schlecht, das überlasse ich dann mal eurem Urteil.

 

 

Ps.: Wie ihr sie wieder loswerdet, erzähle ich dann ein anderes Mal …

 

Warum

Warum fickt der alles was nicht bei drei auf dem Baum ist?
So wahllos so wild?
Warum hält sie einfach nur hin, oder schluckt und bläst über Stunden  – einfach so?

Warum?

Weil die durchlassen.

Sie lassen das was unten ist, ganz ganz unten, da wo Instinkt und Selbstwert ihren Kern bilden, wo Erde und Luft sich treffen, wo Schöpfungskraft und Wille ist, wo Aggression und Liebe ihren Frieden finden, da wo das Universum seinen Anfang und sein Ende nimmt, da wo alles anfängt und alles beginnt, das alles, und noch mehr des grundlegenden Menschseins, das alles lassen sie durch.

Darum.

F43.2

F43.2 steht da auf diesem dünnen Papier. Es ist so ein Papier, bei dem sich die Schrift durchdrückt, so ein Druck-Papier. 

Ich sitze in diesem sehr großen Sessel. Er ist weich. Im Zimmer ist es angenehm. Der Luftbefeuchtern summt. 

F43.2. „Depression bei frühem Verlassenheitstrauma“. Aha. Denke ich bei mir. So heißt das also. 

So lässt sich nun also mein bisheriges Leben zusammenfassen. Unter F43.2. 

Das ist die ICD-10-Ziffer. Eine Ziffer um anderen Ärzten mitzuteilen, was mit mir ist. 

Ich starre weiter auf dieses Blatt. Und kann es kaum glauben. 

Ich dachte mein ganzes Leben sei so, weil ich so sei, so halt. So wie F43.2 sagt. 

F43.2. bedeutet, dass es nun isoliert steht. Dieser Block da. Er hat eine Ursache. Dieses schwarze Loch was sich auftut und mich immer wieder packt. Diese Erklärung für diesen überwältigenden Schmerz der sich immer wieder hochkocht. Und auch in Wut umschlägt. Der diese Verlassenheitsgefühle plausibel macht. Ach da kommen die also her. Von F43.2.

Diese Frau, sie ist eine Psychoanalytikerin, sie ist sehr schlau. Sie schaut mich über den Rand ihrer Brille an. Kennt ihr Analytiker? Die sind nicht wie normale Menschen. Die sind sehr abgefahren, und sehr smart. Meine Analytikerin ist es offensichtlich. Sie hat in Windeseile einen Namen gefunden für das, was ich ihr erzählt habe. 

Ganz ruhig sagte sie das. So als wäre es das normalste der Welt. Mit etwas näselnder Stimme fragt sie: „Wenn das kein Trauma ist, Frau Amanda, was ist es denn dann?“ 

Ich zucke mit den Schultern. 

Trauma. Aha, ohweia. Das klingt schwer. Das klingt nach Krieg und Tod. Nach Notstand, und Verzweiflung. Ja, mit Verzweiflung kenne ich mich gut aus. Stimmt schon. Sehr gut sogar. Und mit Todesängsten und zerstörerischer Wut auch. 

F43.2, ich habe es nun offiziell. Ich bin eine F43.2. Seit meinem vierten Lebensjahr also. 

Genau. 

Verlassenheit, wo die herkommt? Ja das habe ich mich auch immer gefragt. 

Mittlerweile ahne ich es. So ganz schemenhaft kann ich es nachbilden und der Kopf malt, er kontrolliert, will das unsagbare rationalisieren: 

Mein Bruder. Er ist verschwunden. Mein kleiner. Es ist Weihnachten und niemand sagt mir wo er ist. Kein Mensch erzählt, nur gucken alle betroffen. Mir ist, es als lägen eiskalte Hände um meinen Hals und drücken zu. Ich erstickte und schreie, jedoch ohne dass mich jemand hört. 

Diese Erwachsenen. Sie wissen etwas was nich nicht weiß. Sie bilden eine Mauer aus Schweigen. 

Starr sind sie. 

Mein Fahrrad. Rosa glänzt es und steht unter dem Weihnachtsbaum. Oh, wie sehr habe ich es mir gewünscht. Nein, ich will es nicht! Ich will sterben, denn meine Welt ist im Dunkel. 

Ich gehe unter den Tisch. Ich will dieses Fest nicht. Ich will nicht. Ich will warten und aufhören zu atmen. Ich stelle das jetzt ab. Das alles. Dieses Alleinsein. Dieses Schweigen. In mir selbst stirbt etwas. 

Ich töte meine Eltern und meine Großeltern, verbrenne sie. Die Wut macht das. Ich kann das, ich bin ein Löwe, ein Feuerzeichen, tiefe Glut lodert in mir. Ich verbanne sie alle, das Schweigen, die Verzweiflung, die Not. Und vor allem den Verrat. Denn sie wissen was, was ich nicht weiß. Sie wissen wo mein geliebtes Brüderchen ist. Sie und ihr Schweigen haben es mit sich genommen. Mein Körper krampft und ich will mich übergeben. Ich bin allein mit diesen Eltern, wie soll ich das überleben. Ich weiß es nicht. 

F43.2. 

Das ist F43.2. Das alles und noch mehr. 

Das ist tagelang im Bett liegen und weinen und nicht wissen warum. Das ist plötzlich Menschen zu hassen, die mir nichts getan haben, das ist pure Verzweiflung und lähmendere Schmerz. 32 Jahre lang. 

32 Jahre lang F43.2. 

So viele Wege gegangen, so viel Leid empfangen und zugefügt. Bis ich in diesem Sessel landete. Er wurde mir empfohlen. Psychoanalyse. Wie eine total Gestörte sitz ich hier. 

Bin ich gar nicht. Ich bin hoch funktional. Habe ein erfolgreiches reiches Leben. 

Bis auf F43.2.

Diese F43.2 guckt mich so an. Und ich denke bei mir, dass es gut so ist, dass ich endlich einen Namen habe für mein Endzeitszenario, was mich seit Kindesbeinen heimsucht. 

Mein kleiner Bruder, ja. Was mit ihm war? 

Er ist gestorben. Und ich habe es nicht gewusst. Er wurde weggerissen von mir ins namenlose. Ohne dass ich wusste wohin. Er war fort. Und ich allein. 

Weihnachten. 24.12.1986.

Nicht der leichteste Tag für mich. 

Weihnacht ist F43.2.

Für mich. 

Pamina sprach (aus Die Zauberflöte)

„Ach ich fühls, es ist entschwunden –

Ewig hin der Liebe Glück!

Nimmer kommt ihr, Wonnestunden,

Meinem Herzen mehr zurück.

Sieh Tamino, diese Thränen

Fliessen Trauter, dir allein.

Fühlst du nicht der Liebe Sehnen,

So wird Ruh im Tode seyn.“

Der Verlust des „positiven Liebesobjektes“ ist oft Thema in Kunst und Kultur.

Nach der Objekt-Beziehungs-Theorie (M. Klein) wird die so wahrgenommene Beziehung zur primären also frühkindlichen Bezugsperson bezeichnet, auf deren Struktur alle anderen späteren Beziehungen aufbauen. Diese frühe Objekt-Beziehung folgt dem Interaktionsmuster von Mutter und Kind. Alle anderen Beziehungen werden von der Psyche gleichsam nachgebildet. Ein Verlust des positiven Objektes geschieht, wenn Mutter oder Vater früher als abwesend, negativ, instabil oder anderweitig labil wahrgenommen werden. Dann bricht die existentiell wichtige Beziehung ein. Das Kind erlebt einen Fall und eine Erschütterung des Urvertrauens. Da kleine Kinder keine Ambivalenzfähigkeit besitzen, können sie positive und negative Anteile der Bezugsperson nicht integrieren, was den Organismus ab einem gewissen Punkt überfordert.

Die Folge können sein, dass diese Beziehungensabbrüche, die signifikant für die damalige Beziehung waren, nicht nur wiederholt, sondern erzeugt werden damit die Psyche ein Gefühl von Kontrolle hat. Daher wird nicht das was glücklich macht unbewusst vom Organismus angestrebt, sondern das was als stabil wahrgenommen wurde, und als stabil gilt das was früh gelernt und unterbewusst gespeichert wurde. Der damalige überwältigende Schmerz des Verlustes der Liebe, wird so zum Automatismus und immer wieder neu inszeniert.

Dieses immer wieder erzeugen wollen des Verlustes und des Schmerzes von Verlassenheit und Alleinsein ist tief unbewusst in der psychischen Struktur verankert. Der Mensch sucht sich daher aufgrund dessen Beziehungsmuster, die ihm helfen das Verlassenwerden zu reinszenieren oder zu erzeugen. Auch sexuelle Anziehung wird so geprägt. Ein Mensch der das Verlassenwerde und entwertet werden tief unbewusst verankert hat, sucht sich Gegenüber, die dabei helfen dies wieder zu erleben.

Sexuelle Attraktion und Anziehung funktionieren ebenso. Es wird das als begehrenswert angestrebt, was Sicherheit und Stabilität für die Psyche bedeutet. Wir erinnern uns daran, dass nicht das was glücklich macht von der Psyche angestrebt wird, sondern das was stabil ist. Stabil sind früher Muster, da sie immer wieder neu erlebt, Stabilität geben und dem Menschen helfen sicher zu funktionieren.

Menschen die immer wieder Beziehungsabbrüche erleben müssen sich die Frage stellen, welche eigenen Wunden dazu führen, dass sie dies immer wieder mit gestalten in einer Beziehung. Warum kehren so viele in missbräuchliche Strukturen zurück, warum sind so viele abhängig von gewaltsamem und ablehnendem Verhalten eines Partners?

Paminas Ausspruch ist voller Leid. Und so leidvoll wie das einstige Erleben des Schmerzes des Verlustes doch war, trickst die Psyche mit einem erneuten Trick über den Schmerz hinweg. Sie macht Lust aus dem immer wieder lebten ungeliebt sein, was zusätzlich noch einmal mehr dazu führt, dass dieses Muster später aufrecht erhalten wird.

Ein krasses Beispiel sind Menschen die Gewalterfahrungen hinter sich haben oder schwer sexuell missbraucht wurden, sie  streben den übersteigerten Schmerz im Erwachsenenalter häufig an. Sie können ihr Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und auch Lust im Spiel mit Dominanz und Gewalt im sexuellen Bereich ausleben. Das kontrollierte Erleben mit dem beidseitigen Einverständnis hilft den Menschen sich über das früher Trauma zu ermächtigen.

So lassen sich im Prinzip alle ungesunden Beziehunsgmuster erklären. Pamina weint weil Tamino schweigt. Sie ist tief verzweifelt und bewältigt den scheinbaren Verlust seiner Liebe mit dieser Arie. Im wahren Leben versuchen wir alle mehr oder weniger diesen Ur-Schmerz zu kompensieren. Dieser Ur-Schmerz steht im Gegensatz zum Urvertrauen und muss ein Leben lang ausbalanciert werden. Es kommt darauf an, wie tief und wie massiv das damalig erlebte in andere psychische Bereich eingriff und immer noch steuert.

So ist ein Blick hinter die psychischen Strukturen eines Menschen hilfreich. Es ist eine Reise die einer Prüfung gleicht, da das Unterbewusstsein nur so weit zulässt, wie das Bewusstsein stark. Wer die Psyche durch positive Beziehungserfahrungen stärkt, kann sich womöglich ihrem Schatten zuwenden und irgendwann über das Dunkel in ihr triumphieren.

Nicht umsonst wird in der Zauberflöte zum Abschluss verkündet:

„Es siegte die Stärke und krönet zum Lohn – die Schönheit und Weisheit mit ewiger Kron’“.

Die Reise ins Ich ist wohl die abenteuerlichste, die es gibt.m

Der Tag, an dem ich meine Moral verlor

Seitdem ich meine Beziehung geöffnet habe fragen mich die Leute, ob ich meinen Verstand verloren habe. „Nein“ sage ich dann. „Das einzige was ich verloren habe ist meine Moral“. 

Stimmt ja auch. 

Genauer genommen habe ich sie gar nicht verloren. Ich habe sie einfach abgelegt. Ich habe mich ihrer einfach entledigt und das tat nicht einmal weh. 

Es dauerte nur läppische 34 Jahre. 

Es war im September 2013. Spätsommer in Berlin. Es war schon etwas kühler, die Blätter begannen sich allmählich zu verfärben und im Viktoriapark in Friedrichshain- Kreuzberg wehte ein sanfter Wind. Angenehm war er. Ich saß da, zwischen all den Menschen, mitten im Park auf einem Stück Decke, die ich mir mit mehreren anderen teilte.

Und dann passierte es:

Er kam über den Hügel gelaufen im Park. Groß war er und bildschön. So ein schöner Mann. Es traf mich wie ein Peitschenhieb. Es knallte und ich wusste, ich muss sie sofort absetzen. Die Zeit des Abschiedes war gekommen. Mir war klar, dass ich sie nun nicht mehr gebrauchen könne, sie verstehe das sicher. Und so setzte ich sie ab. Schwer war sie. Sie klammerte sich all die Jahre so intensiv an mir fest, so arg, dass ich mich kaum bewegen konnte. 

Da, gleich dahinten am Märchenbrunnen war ein passender Platz. Sie hat mir bis jetzt nichts als Scherereien gemacht und heute spürte ich ganz deutlich: Lege ich sie hier nicht ab, bliebe ich für immer Gefangene der moralischen Vorstellungen meiner Eltern. Und deren Eltern und natürlich, kurz: der Gesellschaft insgesamt. 

Und so setzte ich sie auf die Bank und sagte „Adieu“. Sie sagte nichts. 

Ich verschwand. 

Zurück zum Hügel, zurück zu den dem großen Mann und den stahlblauen Augen. Zu Jeanshemd, gebräunter Haut und verwegenem Lachen. Oh ja, das war richtig. Egal was nun kommen würde, ich war sie los. Ich war frei. Endlich. Wie leicht mir zumute war, plötzlich. 

Ich verliebte mich. So doll und so heftig. Ich wusste nun, was ich wollte. Ich schnappte mir diesen tollen großen Mann und hatte den Sex meines Lebens. Jedenfalls bis dahin. 

Während mein Mann zu Hause war, turnte ich mit einem anderen durchs Bett, als gäbe es kein Morgen. Gab es ja auch nicht, Zeit ist ja total relativ, erst Recht wenn Sex im Spiel ist. Und Sex und Spielen gehört wohl doch viel intensiver in mein Leben, als mich das Fräulein Moral hat spüren oder glauben lassen. Aber nun war sie ja weg und ich konnte alles tun und hatte noch nicht einmal Gewissensbisse. 

Das Echo von 34 Jahren moralischem Dauerfeuer dauerte natürlich an. 

Es dauerte, bis das Verschwinden der Moral meine Wünsche freigab. So nach und nach sickerten sie durch, in meinen Kopf und dann in meine Muschi. (Ich bin ein Kopfmensch, bei mir geht erst einmal alles durch den Kopf). 

Ich wollte diesen großen Mann. Ich wollte ihn ganz und gar. Es gab nichts Wichtigeres in dem Moment, und meine Muschi sprach eine deutliche Sprache, noch nie sprach sie so laut und deutlich. 

Und so brannte ich auf  einmal emotional für alles und jeden. Meine Gefühle waren nicht mehr eingesperrt, liefen nicht mehr an der kurzen Kette von Mrs. Moral. Und als die kleine große Moral nicht mehr da war, konnte ich auf einmal lieben wen ich wollte. Das Herz ist ja so groß, es gibt da so viele unterschiedliche Plätze und wer mir Beliebigkeit vorwirft, verunglimpft diese universelle Liebesfähigkeit, die in allen Menschen wohnt sich auf Menschen ganz individuell einzulassen. Kultivieren sollte man sie. Dafür muss man aber seine Moral erst einmal loswerden. 

Das kann ich. Lieben. Egal in welcher Version. Moral und Konsorten haben mir immer was anderes erzählt. Bullshit war das. Nicht nützlich. 

Genauso wie diese „Haus-Baum-Kind“-Idylle, mag für viele ja richtig sein. Ist auch okay. Für mich war sie nur ein Traum von Moral und Erwartungen anderer an mich, aber nicht von mir. Ich will kein Haus, das ist zu viel zu putzen, ich will auch keinen Baum, die gehören in den Wald und Kinder? Tja, Kindern gehört doch die Welt, oder? Und Kinder sind frei. Genau. Das kann mal schön der Traum von anderen bleiben, meiner ist es nämlich nicht. 

Und das wusste ich dann auch im September 2013. Tschö, Lebenskonzept ohne Hand und Fuß. Habe keinen Bock den unreflektierten Mist zu übernehmen, der mir seit Anbeginn meines Lebens vorgeturnt wird. Das Lebenskonzept saß eigentlich direkt neben der Moral am Brunnen. Richtig so. Da gehört es auch hin. 

Ab da war ich also frei. Ohne gesellschaftliches Erwartungsgedöns und so. Kennt man ja. Leg’ das mal ab, wenn du kannst! Moral sitzt in der Regel sehr tief, da kommt man gar nicht so direkt dran. Da muss man schon ziemlich lange für stricken gehen bzw. sich eingehend bewusst machen, wie das alles so zusammenhängt. Tausend Jahre Innenschau und so. Also in den Schoß gefallen ist mir das nämlich nicht. 

Aber das wichtigste war: Moral auf Nummer sicher, heißt, da auf der Parkbank, beim Märchenbrunnen. Sie war ja schließlich genauso Märchen wie Hänsel und Gretel und wie sie alle heißen. 

Diesem Tag, an dem ich meine Moral verlor, verdanke ich sehr viel. Ich genieße jetzt die Menschen ohne ständig eine Beziehung daraus zu basteln, oder eine Schublade dafür zu finden. Ich lasse das einfach so sein, was ist und fertig. Ich fliege hier und da und komme immer wieder zurück. Ganz brav und schon fast treudoof in meine zwei festen Beziehungen. Zu meinen beiden festen Partnern, meinem Ehemann (oh ja den gibt es noch zieh‘ dir das mal rein) und zu meinem zweiten Partner. Weil auch hier gilt: Doppelt hält besser. Ist echt so. Viel stabiler das Ganze, als nur einen Partner zu haben.

Das ist so schön, dass ich mich jetzt sogar in Frauen verliebe und feststelle, dass noch nicht mal das Geschlecht eine Rolle zu spielen scheint. 

Tja so geht das, wenn man immer mehr wird, sich immer weiter ausdehnt. Ich freue mich am Warmem und intensivem. Und schämen tue ich mich für gar nichts. Auch wenn das viele aufregen mag. Aber die schleppen ja auch noch kräftig Moral mit sich rum, schätze ich mal. Das verstehe ich dann auch, kenne ich ja von mir selbst auch, von der Zeit vor September 2013. 

Seit 2013 ist viel passiert. Meine Moral gibt es nicht mehr. Genauso wie den Mann aus dem Park. 

Die Moral ging und die Wünsche durften kommen. 

Nun kann ich mich auf einer Party auf einen Tisch legen und vor den Augen anderer ficken lassen, wenn ich will. Warum auch nicht? Meine Moral ist ja nicht da, die mir sagt, das dürfe man nicht. Meine Moral sitzt am Brunnen und füttert Enten oder so. 

Vielleicht besuche ich sie nach all der Zeit einmal dort. Ich hätte ihr viel zu erzählen. Ich war schon so verdammt lange nicht mehr in meiner Lieblingsstadt. In der Stadt, in der ich mein Herz öffnete und meine Muschi gleich mit. (Das hängt nämlich zusammen…) 

Ja, ich werde sie besuchen, diese Moral. 

Nachtrag: 

Oh doch, für eine Sache schäme ich mich bis heute: 

Ich habe meinem Mann nie etwas aus Berlin mitgebracht. So als Andenken. 

Schlimm, schlimm ist sie. 

Diese Amanda. 

Am Geländer

Die Lichter flackern, überall sind Menschen.

Ich stehe auf einer der größten Erotik-Partys Deutschlands. Also glaube ich zumindest, dass sie das ist. Der Abend ist schon weiter fortgeschritten, alles hat sich warm gefeiert und getanzt. Eigentlich sind wir für heute durch hier, die Party ist über dem Zenit, vorhin taten mir die Füße weh. Für eine Weile lief ich lustlos an der Hand meiner Begleitung und quengelte ich wolle ins Hotel.

„Ja, gleich gehen wir zurück, noch einen Drink, ok?“ „Ok, bring mir noch einen Prosecco mit!“, antwortete ich.

Heute passiert doch eh’ nichts Spektakuläres mehr, dachte ich. Wir streifen durch die Menschen, da oben über der Tanzfläche, auf der Empore, ist unsere Clique, wir steuern dahin.

Ich stelle mich ans Geländer, unter mir ist die Tanzfläche, ich kann alles überblicken.  Elisa und Ramon kann ich sehen, dahinten stehen Timo und Kate. Sie feiern prosten sich zu.

Ich tanze ein wenig vor mich hin.

Das schwarze Latex-Kleid rutscht immer wieder hoch, scheiße, das ist so heiß hier. Unter dem Ding schwitze ich wie noch nie. Natürlich trage ich nichts drunter. Ich gleite in meinem eigenen Saft in diesem Gummi-Teil hin und her. Obwohl es super eng ist, habe ich das Gefühl zu schwimmen. Ach mir soll es jetzt egal sein, Frisur und Make up halten der Hitze sowieso nicht mehr Stand. Ich tanze und werfe den Kopf nach hinten, der Beat ist gut, der DJ hat einen Lauf und haut ein Ding nach dem anderen raus. Wow, der Sekt pusht meine müden Glieder, ich werde wieder munter.

Mein Partner nähert sich, er ist gut drauf, ich sehe das. Ich drehe mich zu ihm und küsse ihn, er fasst mich kurz bei der Taille und erwidert den Kuss. Der Beat, die Hitze und der Kuss drehen mich auf. Der Kuss war wie ein Peitschenhieb.

Mein Partner macht die Umarmung enger, zieht mich näher heran, küsst mich noch mal. Mein Herz schlägt wild und mir wird schwindelig, der Sekt – ich bin ihn nicht gewohnt. Er küsst meinen Hals und mir schießt die Hitze in den Unterleib. Wir tanzen weiter, bewegen uns und lösen uns nicht dabei. Er streift meinen Rücken hoch, greift mir in die Haare. Ich fauche, ich will ihn jetzt.

Meine Hände greifen sein Kinn und ich setze noch mal an, ein intensiver Kuss ist das. Lang und frech. Ich spiele mit meiner Zunge an seinem Mund, mir macht das Spaß. Ich atme schneller, er streicht über Brust und Dekolleté, greift mir in den Nacken.

Ich werde umgedreht.

Ich sehe all die Menschen unter mir. In der Ferne erkenne ich ein paar Gesichter. Dann stutze ich, denn es geht alles sehr schnell.

Ich spüre wie mir das Kleid hochgeschoben wird, eine Hand geht zwischen meine Beine und noch ehe ich reagieren, kann dringt er von hinten in mich ein.

Was passiert hier gerade, denk ich. Die Menschen, oh Gott, sie sehen uns, schießt es mir durch den Kopf, was mache ich hier, das kann nicht sein!

Ich muss mich festhalten, ich werde nach vorn geschoben, immer weiter ans Geländer gedrückt. Das Kleid hochgeschoben, die Scham vorn frei. Ich triefe, Nässe und Feuchte überall. Es rinnt mir in die Schuhe. Klatschnass bin ich. Ich kann nicht mehr klar denken und Zweifel und Scham schwinden, denn dafür muss man denken. Und denken kann ich nicht mehr.

Ich spüre dass ich das will, und ich spüre dass ich Angst habe. Diese Angst kommt von ganz weit unten, sie ist ganz alt. Diese Angst sagt dumpf: „Das darfst du nicht, das verdienst du nicht. Du bist ein schmutziges Mädchen!“ Ich halte inne, dieser Widerhall, dieser Reflex zuzumachen ist so automatisch, dass ich mich mit aller Gewalt in mir dagegen stemme. Etwas will unten zumachen, etwas in mir will weichen, abwinken, den Rock glatt streichen.

Doch etwas anderes hält dagegen. Ich will das jetzt. Ich will hier auf der Party vor allen Leuten gefickt werden. Weil ich das kann und darf. ICH DARF DAS HIER. Kommt es von unten hoch und überschattet alle Zweifel. Ja, jetzt, ich will das jetzt. Nichts anderes will ich, ich mach dich fertig, du wirst schon sehen, jubiliert es, triumphiert es in mir. Ha! Denke ich.

Ihr könnt mich mal. Ich ficke jetzt hier und keiner wird mich daran hindern. Das sieht mein Partner auch so und gibt Gas.

Er steht hinter mir, hält mich an den Hüften. Eine Hand ruht auf meinem Rücken, die andere greift mir in die Seite. Er streicht mir die Flanken entlang und greift nun um. Eine andere Hand geht an meine Brust, er zieht mein Kleid runter, fasst an meine Brustwarze, spielt damit.

Die Menge feiert. Unter mir ist der Dancefloor.. Knapp 1200 Menschen im wildesten Getümmel. Elektromusik dröhnt. Die Menschen schreien, jubeln, tanzen. Sie knutschen oder fummeln. Hinter uns ein paar Freunde. Carmen und Nadine prosten sich zu. Ich schaue mich um, niemanden stört was wir hier tun. Im Gegenteil.

Eine Hand streift meine, irgendwer streichelt mich. Eine dritte Hand gesellt sich zu den meinen. Sie greifen um den Stahl des Geländers. Kühl ist er und feucht.

Ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten. Diese Beine stecken in hohen Stiefeln. Schwarz. Lack. Eng. Passend zum Kleid. Mit Plateau-Sohle, na klar.  Groß bin ich. Viel größer als ohne Stiefel. Das Schwarze Latex überzieht meinen Körper wie eine schwarze zweite Haut. Darunter mein Selbst. Nackt. Feucht. Das Kleid ist maßgeschneidert. Originalanfertigung. Es sitzt. Es wirkt. Offensichtlich.

Der Beat wechselt. Ich werde noch mal umgedreht. Nun kniet er vor mir, unten. Ich schaue zweifelnd. „Bist du sicher?“ Steht in meinen Augen geschrieben. Er liest mich. Kann meine Zweifel sehen. Doch er lässt sich nicht beirren. Bleibt an mir dran, er wankt nicht, so wie ich. Er hat Lust und macht. Der Kopf ist aus. Und so hält eine Hand meine Fessel und die Zweite wandert hoch zwischen meine Beine. Ich schaue ihm zu, kann kaum fassen was ich hier tue. So was hätte man mir mal vor einem Jahr erzählen müssen.

„Ich könnte niemals cool an vögelnden Menschen vorbeigehen, geschweige denn es selbst vor Menschen tun!“

„Warte mal ab!“, sagte er. „Wenn du mal deine Moral los bist, müssen wir uns alle anschnallen!“

Ich verkrampfe, es läuft nicht. Das Echo ist wieder da, ich setze aus. Ich denke zu viel, mein Partner steht auf kommt hoch, hält mich im Rücken und streicht mir mit der Hand vom Hals abwärts hinunter zwischen die Beine. Er drückt mich nach hinten. Ich soll mich anlehnen. Er flüstert mir zu „Das darf man hier!“, dann küsst er mich auf den Hals. Ganz zart und lieb ist das. Ganz zugewandt. Und ich werde wieder scharf.

Nadine steht neben uns. Sie beobachtet uns. Ich schaue sie kurz an. Wir kennen uns, haben schon oft miteinander gefeiert. Sie lächelt, ihr scheint zu gefallen was wir hier treiben. Nadine ist toll. Ich mag sie und ich hätte sie gern mal im Bett. Sie soll der Hammer sein. Habe ich gehört. Ich grinse.

Ich schaue zu Paul. Und dann wieder zu ihr. Ich drehe mich in ihre Richtung, ein kleines bisschen nur, genug dafür, dass er versteht. Ich berühre ihren Arm. Sie streichelt zurück. Ich zögere kurz, doch dann entschließe ich mich, ich ziehe sie zu mir, signalisiere „Komm’ zu uns!“ Und Nadine versteht. Nadine kann. Sie ist kompetent und hat Freude daran, uns zu erleben. Sie beugt sich zu mir und streicht mir über meine Haare. Mein Kopf reckt sich in ihre Richtung und ich küsse sie. Nadine ist toll. Sie ist ganz weich, so herzlich und offen. Mir ihr verbinden mich viele Gespräche und tolle Partynächte. Wir drei, wir kennen uns gut. Wir alle mögen uns. Wir können gut miteinander. Nun knutsche ich mit Nadine, während Paul uns beide umfasst. Er streichelt sie, sie öffnet die Beine, er nimmt sie langsam, dreht sie um, stellt sie vor sich auf. Ich stehe vor ihr und küsse sie, streichele sie, halte sie fest. Dann drehe ich mich kurz zur Seite. Ich brauche eine Minute Pause.

Ich rücke alles an mir etwas zurecht zu, puh, ich bin ganz schön durcheinander geraten. Das Kleid lässt sich gar nicht mehr runter schieben, meine Brust liegt frei, die Scham sowieso und alles ist feucht. Ich schaue an mir herab dann sehe ich Paul. Er ist immer noch mit Nadine beschäftigt, er schaut mich an und ich küsse ihn, bevor ich wieder zu Nadine gehe. Mein Gefühl ist ganz warm. Ich hab sie gern. Ich mische mich dazu, mache einfach mit, knutsche mit ihr oder mit ihm, streichele berühre und mache alles wonach mir gerade ist. Wir sind ein ineinander verschlungenes Knäul aus Mündern, Händen und Beinen. Wir spielen, der eine hält der ander stützt. Wir reiten auf einer Welle. Jetzt. Jetzt ist der Moment. Ich lasse mich einfach fallen, in diese Arme zweier Menschen. Ich tue was mir gefällt, ich genieße diesen Moment, er scheint endlos lange zu dauern. Mein Zeitgefühl ist vollkommen verschwunden.

Zwei Stunden später sitze ich beim Rauchen draußen auf dem Sofa. Es dämmert, es ist halb fünf durch. Der Tag kündigt sich an. Die ersten Vögel zwitschern. Ich schaue in die Flammen  der Feuerschale, ich bin etwas fertig vom Abend. Die Füße tun mir jetzt wirklich weh und ich ziehe diese mords hohen Stiefel aus. Ich ziehe an meiner Zigarette und an meinem Strohhalm der in meiner Wasserflasche steckt.

Paul ist da, er setzt sich neben mich, lehnt sich zurück. Er beobachtet das Publikum, die meisten machen sich auf den Heimweg. Seine Arme sind ausgebreitet, er streichelt meinen Rücken.

„Und?“, sagt er. „Alles ok?“

„Ähm, ja….ähm!“, stottere ich.

„Was war das denn, sag mal? Was vögelst du mich einfach, wenn ich da so rumstehe ohne zu fragen?“ ärgere ich ihn.

Er lacht.

„Selbst Schuld! Was stehst du da auch so alleine rum, in scharfer Klamotte?

Da am Geländer?“

Männerfrei

„Meine Güte, hier bekommt man auch keinen Parkplatz, was? St. Pauli scheint der Hammer zu sein verkehrstechnisch!“, stöhne ich und stelle meinen Koffer auf dem Treppenabsatz ab.
Meine Freundin und ich stehen uns gegenüber.
Kippchen?“, fragt sie mich und ich nicke.
„Erstmal eine rauchen, vorher geht gar nix!“
Sie nickt.

Vor uns liegt das Hostel, mitten im Kiez endlich sind wir da.
Es ist recht hip aufgemacht, überall sind Menschen, entweder sitzen sie davor auf der Bank, hinter ihnen ein Graffiti. Manche spielen in ihren Handys oder trinken Kaffee. Es ist sehr bunt und schrill, alternativ eben und zieht auch alternatives Publikum an. Vieles in der Inneneinrichtung ist aus recyceltem Material. Man legt Wert auf Umweltfreundlichkeit und betonte Coolness.

Hier ist es bunt, hier ist es laut, hier ist Leben. Ich fühle mich direkt wohl.
Wir sind auf unserem Mädels-Trip nach Hamburg. Die letzten Wochen waren voll mit Arbeit, Stress und Hektik. Aber auch mit Dates, Verabredungen und allerlei Beziehungsstress.
Jetzt ist erst einmal Pause. Jetzt steht Mädchen-Zeit auf dem Plan.
Gott sei Dank! Ich freue mich auf eine völlig entspannt Zeit im Norden des Landes mit meiner besten Freundin. Zeit, um endlich mal alles durchzuquasseln, was Frauen nun mal so zu bequasseln haben. Kennt man ja!

„Und du glaubst, dass du die Zeit hier mit deiner besseren Hälfte verbringen und ganz ohne deine Männer gut rum bekommst?“, ärgert mich meine Freundin. 
Lieb knufft sie mich in die Seite und lacht mich an.
„Na klaro, ich habe mir eine Woche völliges Männerfrei erlaubt, und das ziehe ich auch durch!“, lache ich sie an.
Ja ja, den Spruch kenne ich!“, lacht sie und drückt die Zigarette im Aschenbecher aus.
„Dann komm’ mal mit, Wonderwoman, wir checken mal ein!“
Ich folge ihr in den Eingangsbereich, da wo auch die Rezeption steht.

Die Rezeption ist sehr groß. Weitläufig verteilt sie sich im Vorraum. Ganz links und ganz rechts sitzen junge Menschen hinter ihren Rechnern und blicken auf, als wir uns nähern.

Und dann schau ich genau.
Fuck!“, denke ich.
Der Typ links ist total meins. Wir tauschen einen Blick und die Sache ist so was von verdammt klar.
Ich versuche mich unauffällig im Hintergrund zu halten, aber meine beste Freundin kennt mich viel zu gut. Ich stürmische, total quirlige Frau bin auf einmal total still und abgewandt. Aber ich will nicht doof da stehen und bemühe mich einfach im Gut aussehen.

„Wir haben eine Reservierung!“, flötet sie fröhlich.

Der blonde Typ mit den wachen freundlichen Augen strahlt sie an. Und dann mich.

„Scheiße, der soll weggucken!“, denk ich. Ich habe Männerfrei, keinen Firlefanz hier. Aber ich kann nicht anders und bin schon ich hin und weg.

„Ah ja!“, er schaut im Computer nach. „Hier habe ich euch, wollt ihr getrennte Zimmer?“

Erwartungsvoll schaut er uns an.
Ich weiß nicht, ob der Typ mit uns flirtet oder einfach seinen Job macht, oder einfach nur nett ist.
Nein. Der ist nicht nur einfach nett. Der Typ ist Zucker.
Hammer. Wie süß der ist, bestimmt keine 28. Egal. Und lachen tut er, dass es eine Freude ist. Lachende Männer, oh man, es gibt kaum was Besseres. Und er ist zudem total nett.

„Nein, wir sind zusammen auf einem Zimmer!“, sagt meine Freundin.
„Ja … Äh …genau …!“, sage ich hinterher.

„Und was macht ihr so schönes heute?“
Fragt Mr. Nice Guy und schaut mich direkt an.

„Ja, mh, wir, wir gucken erstmal!“, sage ich. Ich strahle zurück, weil der Typ einen einfach zum Strahlen bringt.
„Kannst du was empfehlen?“, frage ich und er holt den Stadtplan raus und fängt an zu erzählen.
Von A bis Z erörtert er den ganzen Kiez mit uns.

, das verstehe ich jetzt nicht, wie kommt man nun zum Speicher? Ich bin katastrophal im Kartenlesen!“, entschuldige ich mich.

„Moment, ich komme mal rum, dann müsst ihr die Karte nicht drehen!“

Der Typ stellt sich zwischen uns. Die Karte liegt vor uns auf der Theke.
Ganz dicht steht er nun bei mir, gut riecht er.
Na das läuft ja gut hier, denk ich.
Kaum angekommen und schon wieder einen heißen Typen an Land gezogen.
Gutes Mädchen. So gefällt mir das.

Er erklärt uns alles und geht wieder zurück zu seinem Platz.

„Wenn ihr noch was braucht, irgendwas, dann zögert nicht. Ich bin heute den ganzen Tag für euch da!“, zwinkert er.

Wir bedanken uns und steuern die Aufzüge an.
Ich traue mich gar nicht meine Freundin anzuschauen.

Als sich die Aufzugtüren schließen, schaut sie mich an und sagt „Männerfrei, du? Das glaubst du doch selbst nicht! Wie lange denkst du, schaffst du da an der Rezeption vorbeizugehen, ohne den Typ klarzumachen?“

Tja. Und sie hat verdammt recht.

Im Laufe des Tages muss ich noch einige Male runter und was total wichtiges nachfragen und dann plaudere ich mit Mr. Strahlemann und fühle mich einfach gut.

Wieso darf man so was nicht mitnehmen? Warum sollte ich nicht genießen, was mir jemand entgegenbringt?

Eben!

Am Abend hat es geregnet.
Wir sind ziemlich nass geworden. Meine Freundin ist müde und möchte auf unser Zimmer. „Gib du doch die Regenschirme ab, ich wette, da hast du total Lust drauf!“, frotzelt sie.

„Was macht ihr denn noch so?“, fragt er als ich ihm die Schirme reiche.
Er nimmt sie mir nicht aus der Hand, hält sie fest.
Sie sind eine Verbindung zwischen ihm und mir.
Ich finde das lustig und muss direkt wieder lachen.

Mh, nichts, denke ich!“, antworte ich.

Tjaaa!“, sagt er.
„Ich habe gleich Feierabend. Also wenn du nicht mit deiner Freundin verabredet bist, magst du mich auf ein Getränk begleiten?“

Ich muss nicht lange überlegen und gehe geschwind zurück ins Zimmer, um mich bei meiner Freundin abzumelden.
Jaaaaa, Männerfrei, du Ulknudel!“, witzelt sie.
Los, hau rein, schnapp‘ dir den Typ, der ist der Hammer! Und erzähl mir morgen alles!“
„Mach’ ich!“ Ich gebe ihr ein Küsschen auf die Wange.
Leise fällt die Tür ins Schloss.
Im Zimmer 330 wird es ruhig.

Gerade mal 24h ohne einen Mann. Das ist auch verdammt lang, denk ich.
So verdammt lang. Lang genug auf jeden Fall.